Vortrag: Verachtung und Romatisierung. Zur Sozialpsychologie der Romafeindlichkeit

Verachtung und Romatisierung. Zur Sozialpsychologie der Romafeindlichkeit

Vortrag und Diskussion mit Dr. Sebastian Winter

Zwei Merkmale, die alle Ressentiments gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit teilen, treten am Antiziganismus in besonderer Deutlichkeit hervor: Die Ambivalenz von Verachtung und Romantisierung gegenüber der stigmatisierten Gruppe und die Aktivität „von unten“, welche den Staat drängt, institutionelle und rechtliche Diskriminierungen auszuweiten. Die sich hier auch jenseits ihrer politischen Instrumentalisierung zeigende affektive Anziehungskraft des Ressentiments muss verstanden werden, um es bekämpfen zu können. Der hinter rationalisierenden Tiraden über Ängste, Überfremdung und Verschmutzung unbewusst gehaltene Hass verweist auf eine projektive Abwehr von Eigenem, dass als fremd erlebt und bekämpft wird. Die psychoanalytische Sozialpsychologie vermag diesen affektiven Untergrund des antiziganistischen Ressentiments gegen „die Gesetzlosen“, welche von „denen da oben“ beschützt werden, zu beleuchten.

Sebastian Winter ist Sozialpsychologe und forscht u.a. zur psychoanalytischen Sozialpsychologie von Gemeinschafts- und Feindbildungsprozessen.

3. Mai 2019 | 19.00 Uhr | Auslandsgesellschaft Dortmund, Steinstraße 48, Großer Saal

Die Veranstaltung wird organisiert von der Initiative für Gesellschaftskritik und findet mit freundlicher Unterstützung des AStA FH Dortmund statt.

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Veranstaltungsreihe: Zur Aktualität des Autoritären Charakters

Zur Aktualität des Autoritären Charakters

Veranstaltungsreihe vom 16.02 – 03.04.2019

Als in der Zwischenkriegszeit die erhoffte Revolution ausblieb und die Menschen sich in Scharen dem Faschismus zuwandten, suchten verschiedene Theoretiker hierfür eine Erklärung. Eine Antwort erhofften sich Intellektuelle wie Reich, Adorno oder Fromm durch eine Synthese von marxistischer Theorie und psychoanalytischer Sozialpsychologie. Ihre Überlegungen führten sie zur Analyse der kleinbürgerlichen Familie, die ihnen als zentrale Sozialisationsinstanz eines spezifischen Charaktertypus erschien: der autoritären Persönlichkeit. Die Theorie des autoritären Charakters schien ebenso geeignet für die Erklärung der Anfälligkeit der Massen für die faschistische Agitation wie für deren Anpassung an gesellschaftliche Verhältnisse, die ihren eigenen materiellen Interessen widersprachen. Diese Konzeption wurde schließlich in den im amerikanischen Exil entstandenen »Studies in Prejudice« einer empirischen Überprüfung unterzogen. Die wesentlichen Charaktermerkmale des Autoritären sind u.a. Konventionalismus, autoritäre Unterwürfigkeit gegenüber Mächtigen sowie autoritäre Aggression gegenüber Schwächeren. Dieser nimmt die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse als unveränderliche Naturgegebenheiten wahr und nutzt diese Diagnose, um seine Schutzbedürftigkeit unter eine Autorität zu legitimieren. Da es eine narzisstische Kränkung bedeutet würde, wenn er sich diese Charakterzüge eingestehen würde, verdrängt er sie und projiziert sie auf äußere Feinde – vorzugsweise Jüdinnen und Juden, MigrantInnen und ‚Fremde‘. Auch in gegenwärtig agierenden nationalistischen, antisemitischen und rassistischen Bewegungen lässt sich diese ideologische Konstellation erkennen. Indes, die familialen Konstitutionsbedingungen wirken anachronistisch: der patriarchale Vater erscheint in der »vaterlosen Gesellschaft« (Mitscherlich) als Gespenst vergangener Tage und die Erziehungspraktiken haben sich in den letzten 100 Jahren deutlich gewandelt. Es stellt sich somit unweigerlich die Frage nach der Aktualität der Konzeption für die Analyse gegenwärtiger autoritärer Formierungen. Die Veranstaltungsreihe »Zur Aktualität des Autoritären Charakters« soll zur Diskussion hierüber anregen und zur Klärung beitragen.

Organisiert wird die Reihe von der Initiative für Gesellschaftskritik in Kooperation mit dem AStA der Fachhochschule Dortmund. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei. Über eventuelle Änderungen von Uhrzeiten und über die genauen Räumlichkeiten informieren wir auf diesem Blog sowie auf unserer Facebookseite.

Die Veranstaltungen im Einzelnen:
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Vortrag: Stadt, Kritik und Utopie

Stadt, Kritik und Utopie

Vortrag und Diskussion mit Roger Behrens

Erstmals in der Geschichte leben über die Hälfte der Menschen in Städten, besagen neuere Statistiken. Sofern sich der Kapitalismus mittlerweile zu einer weltumspannenden Struktur verdichtet hat und die Wertvergesellschaftung längst globales Prinzip der Lebensordnung geworden ist, kann man davon ausgehen, dass es sich bei diesen Städten allesamt um kapitalistische Städte handelt: das scheint bei aller Unterschiedlichkeit ihr gemeinsames Fundament zu sein. Doch: was charakterisisiert überhaupt die Stadt im Kapitalismus als kapitalistische Stadt, was macht sie kapitalistisch? Und wie lässt sich eine Kritik der politischen Ökonomie auf die kapitalistische Stadt anwenden? Was könnte eine aktuelle kritische Theorie der Stadt sein, und in welchem Verhältnis steht sie zur Gentrifizierung, Stadtmarketing und Urbanismus? Schließlich: Wie sieht eine kommunistische Perspektive auf Stadt aus? Und welche Widersprüche oder Parallelen ergeben sich zu den gegenwärtigen gentrifizierungskritischen Bewegungen?

Roger Behrens ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift ‚Testcard – Beiträge zur Popkultur‘ und beschäftigt sich vor allem mit den Themen Kulturindustrie, Pop und Kritische Theorie.

30. Januar 2019 | 19 Uhr | Rekorder, Gneisenaustraße 55, 44147 Dortmund

 
Die Veranstaltung wird organisiert von der Initiative für Gesellschaftskritik und findet mit freundlicher Unterstützung des AStA FH Dortmund statt.

Vortrag: Räte gegen den Rat, Pläne gegen den Plan: Rätekommunismus als Überwindung des Linksradikalismus

Räte gegen den Rat, Pläne gegen den Plan: Rätekommunismus als Überwindung des Linksradikalismus
 
Vortrag und Diskussion mit Felix Klopotek
 
Eine konsequente Aufarbeitung der europäischen Räterevolutionen zwischen dem russischen Oktober und dem deutschen November fand nur an den Rändern der Arbeiter*innenbewegung statt: im rätekommunistischen Milieu. Die staatstragende Rolle der Sozialdemokratie – bis an die Grenze zum Faschismus – und die terroristische Politik der Bolschewiki wurden hier im Zusammenhang mit der Herausbildung des Monopolkapitalismus diskutiert, der Sinn der Räte einzig als Instrument der Selbstbefreiung der Arbeiterinnen und Arbeiter erkannt. Die Schriften von Anton Pannekoek, Otto Rühle, Paul Mattick oder auch Karl Korsch sprechen nicht mehr direkt zu uns, der Rätekommunismus ist, spätestens seit den 1950er Jahren, eine historische Strömung. Aber seine Radikalität, mit der er die bürgerlichen Deformationen der Arbeiter*innenbewegung einer Analyse unterzog, bleibt unabgegolten. Dieses Nicht-Erfüllte zu bestimmen und damit auch einen etwas anderen Blick auf den November 1918 zu werfen, ist Ziel des Vortrags. »Auf tausend Kriege kommen nicht zehn Revolutionen; so schwer ist der aufrechte Gang. Und selbst wo sie gelungen waren, zeigten sich in der Regel die Bedrücker mehr ausgewechselt als abgeschafft.« (Ernst Bloch)
 
Felix Klopotek lebt und arbeitet in Köln und ist Redakteur der Kölner StadtRevue und zudem Autor u.a. von Spex, Jungle World und konkret. Seit 2007 Herausgeber der Buchreihe »Dissidenten der Arbeiterbewegung« (Unrast Verlag Münster); Weitere Veröffentlichungen: »Zonen der Selbstoptimierung« (zusammen mit Peter Scheiffele), »Rätekommunismus« (im Rahmen der theorie.org Reihe).
 
23. Januar 2019 | 19.00 Uhr | Fachhochschule Dortmund, Sonnenstraße 96, Raum A120 (A-Gebäude, 1. Etage)
 
Die Veranstaltung wird organisiert von der Initiative für Gesellschaftskritik und findet mit freundlicher Unterstützung des AStA FH Dortmund statt.

Vortrag: Fetischistischer Antikapitalismus – Zur Aktualität der Antisemitismuskritik Moishe Postones

Fetischistischer Antikapitalismus – Zur Aktualität der Antisemitismuskritik Moishe Postones

Vortrag und Diskussion mit Stephan Grigat

Moishe Postones Thesen zum Nationalsozialismus müssen vor dem Hintergrund der Jahrzehnte vorherrschenden linken Antisemitismusverharmlosung als Revolutionierung der materialistischen Antisemitismuskritik betrachtet werden. Seine von den Grundkategorien in Marx’ „Kapital“ ausgehende Dechiffrierung des modernen Antisemitismus als Hass auf das Abstrakte, seine explizite Unterscheidung von Antisemitismus und Rassismus und seine Analyse der nationalsozialistischen Vernichtungspraxis als Bruch mit der kapitalistischen Verwertungslogik und Herrschaftsrationalität haben ebenso Maßstäbe gesetzt wie seine Kritik an der deutschen Linken und einem sich progressiv wähnenden antikapitalistischen Ressentiment. Der Vortrag soll sowohl die Grundzüge von Postones Kritik als auch seine Rezeption in der deutschen Linken seit Beginn der 1990er-Jahre nachzeichnen und fragen, was seine Analyse des islamischen Antisemitismus als „fetischisierte, zutiefst reaktionäre Form von Antikapitalismus“ für ein Verständnis des Zionismus und die gegenwärtige Solidarität mit Israel bedeutet.

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien, Permanent Fellow am Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam und Research Fellow am Herzl Institute for the Study of Zionism and History der University of Haifa. Er ist Autor von „Fetisch & Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat & Kapital & die Kritik des Antisemitismus“ (ça ira 2007) sowie „Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung“ (Konkret 2014) und Herausgeber von „AfD & FPÖ. Antisemitismus, völkischer Nationalismus und Geschlechterbilder“ (Nomos 2017) sowie „Iran – Israel – Deutschland: Antisemitismus, Außenhandel & Atomprogramm“ (Hentrich & Hentrich 2017).

15. Januar 2019 | 19.30 Uhr | Fachhochschule Dortmund, Sonnenstraße 96, Raum F212 (F-Gebäude, 2. Etage)

Die Veranstaltung wird organisiert von der Initiative für Gesellschaftskritik Dortmund und findet mit freundlicher Unterstützung des AStA FH Dortmund statt.

Vortrag: Volk statt Klasse? Populismus und ,Identität‘ als postmoderne Formen des Widerstandes

Volk statt Klasse? Populismus und ,Identität‘ als postmoderne Formen des Widerstandes

Vortrag und Diskussion mit Thorsten Mense

Seit einigen Jahren erleben wir ein massives revival des Identitätsbegriffs, besonders in rechten, aber auch in linken sozialen Bewegungen. ,Identität‘ ist derzeit das scheinbar erfolgreichste Konzept, sich als Instrument des Widerstandes gegen die Zumutungen des Kapitalismus zu präsentieren. Die Erfolge rechter PopulistInnen und NationalistInnen in den USA sowie in Europa gründen auf diesem Identitätsangebot und dem damit verbundenen Versprechen, Teil von etwas Größerem zu sein, was zugleich mit der Benennung von Schuldigen einhergeht: die Elite, die MigrantInnen, die Globalisierung. In Katalonien kann man derzeit besonders eindrucksvoll – hier z.T. unter linken Vorzeichen – die Mobilisierungsfähigkeit nationaler Identität beobachten, die alle sozialen Krisenproteste der letzten Jahre weit übersteigt. Warum sich nicht zuletzt auch das Proletariat eher als ,Volk‘, und nicht als Klasse betrachtet und aktuell vor allem rechtspopulistischen und neofaschistischen Parteien zuwendet, wird vor allem seit dem Erscheinen von Didier Eribons Buch „Rückkehr nach Reims“ wieder viel diskutiert. Die Antwort auf das Erstarken rechter Bewegungen besteht vielerorts darin, einen linken Populismus zu begründen. Er stellt eine Reaktion auf die politische Heimatlosigkeit der Unzufriedenen dar, die die Linke ratlos zurücklässt und welche die Rechte für sich zu nutzen weiß.

Aber auch der Linkspopulismus zieht – wie sein Pendant auf der rechten Seite – seine Stärke daraus, dass er nicht auf Inhalte und Gesellschaftskritik setzt, sondern auf ein identitäres Angebot und die falsche Gegenüberstellung von ,Volk‘ und Elite. Identität ist aber keine emanzipatorische Antwort auf den Kapitalismus und die durch ihn produzierte Ungleichheit und Unfreiheit. Ganz im Gegenteil ist das Bedürfnis nach kultureller und nationaler Identität gerade eine Folge der Ohnmacht und fehlenden Selbstbestimmung, die sich in der regressiven Sehnsucht nach natürlicher Gemeinschaft niederschlägt. Anstatt sich an solchen identitären Kämpfen zu beteiligen, sollte radikale Kritik sich damit beschäftigen, woher dieses identitäre Bedürfnis kommt – und was eine linke Antwort darauf sein könnte.

Thorsten Mense ist Soziologe, freier Autor und Journalist, tätig u. a. für die Wochenzeitung Jungle World sowie das Monatsmagazin Konkret. Studium der Politikwissenschaften in Heidelberg, Barcelona und Göttingen, Promotion in Hannover bei Detlev Claussen zur Kritischen Theorie des Nationalismus und linksnationalistischen Befreiungsbewegungen in Katalonien und im Baskenland. Mitglied des Forums für kritische Rechtsextremismusforschung (FKR). Wichtige Publikation: „Kritik des Nationalismus“.

06. Dezember 2018 | 19 Uhr | Rekorder, Gneisenaustraße 55, 44147 Dortmund

Die Veranstaltung wird organisiert von der Initiative für Gesellschaftskritik Dortmund und findet mit freundlicher Unterstützung des AStA FH Dortmund statt.

Workshop: Hegels Theorie der Bürgerlichen Gesellschaft

Hegels Theorie der Bürgerlichen Gesellschaft

Workshop mit Markus Gante

Der Abschnitt zur bürgerlichen Gesellschaft ist der wohl wirkmächtigste und bekannteste aus den ohnehin schon prominenten Grundlinien der Philosophie des Rechts Hegels. Angesiedelt zwischen Familie und Staat, stellt er den zweiten Abschnitt der Sittlichkeit dar. Sittlichkeit umfasst für Hegel die abgeschlossenen Formen der Verwirklichung von Freiheit innerhalb des objektiven Geistes, also der Sphäre der direkten Interaktion mehrerer Individuen. Sie ist nicht zu verwechseln mit Sitte, Ethos oder Moral, sondern soll das begrifflich konsequent entwickelte Resultat des Nachdenkens über Recht, Moral und Gesellschaft darstellen. Damit geht die Annahme einher, gesellschaftliche Phänomene ließen sich überhaupt innerhalb ihrer Eigengesetzlichkeiten verstehen und bildeten nicht nur eine Unterkategorie der Moralphilosophie.

Die bürgerliche Gesellschaft beschreibt innerhalb der Sittlichkeit die Sphäre, in welcher sich Privatpersonen mit dem primären Interesse ihrer eigenen Bedürfnisbefriedigung begegnen. Sie erscheint – und hier findet sich eine schlagkräftige Pointe gegen die neuzeitliche Vertragstheorie – als „der Kampfplatz des individuellen Privatinteresses aller gegen alle“ (GdPR § 289). Noch in die höchste begriffliche Entwicklung der Freiheit bricht eine, wenn auch schon etwas sublimere, Form des Naturzustandes ein. Eine der progressivsten Einsichten der Rechtsphilosophie besteht darin, dass die ökonomische Vermittlung der Privatpersonen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft notwendigerweise Armut produziert. Zwar meint Hegel, dass sie ihrer Eigenlogik nach auch Lösungen für diese Probleme bereitstellt, wie überzeugend selbige allerdings sind, soll Diskussionsgegenstand des Workshops sein.
Wir werden uns – nach einigen kurzen Passagen aus der Vorrede – den Abschnitt zur bürgerlichen Gesellschaft in gemeinsamer Lektüre erarbeiten. Vorkenntnisse sind hierfür nicht notwendig, freilich aber auch nicht schädlich.

Der Textkorpus wird in Form eines Readers bereitgestellt werden. Dieser kann per Mail unter ifg_dortmund@protonmail.com angefordert werden. Die Teilnahme ist kostenlos.

01. Dezember 2018 | 11-18 Uhr | Fachhochschule Dortmund, Sonnenstraße 96, Raum F212 (F-Gebäude, 2. Etage),

Der Workshop wird veranstaltet von der Initiative für Gesellschaftskritik und findet mit freundlicher Unterstützung des AStA FH Dortmund statt.